Da geht einem ja der Fingerhut hoch

Schon jetzt eine meiner Lieblingsrückrufaktionen des laufenden Jahres:

fingerhutHoffmann und Campe verschickt Mails mit der inständigen Bitte, die als Werbung gedachten Postkarten, auf denen sich ein Kochrezept befindet, auf Kosten des Verlags zurückzuschicken und das Rezept nicht, ich wiederhole nicht, nachzukochen. Sind doch als Gewürz 3 Blätter des echt giftigen Fingerhut aufgeführt. Kein Irrtum, sondern anspielungsreiche Zutat zum Krimi.
Ein schönes Lehrstück über kontextsensitive Lesarten.

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Nachtrag zum schlechten Ende von 2009: Kirkus Review wird eingestellt

Es betrübt mich noch immer:
Die Nielsen Busines Media Group in New York hat im Dezember lapidar  bekannt gegeben, dass die Zeitschrift Kirkus Review eingestellt wird.
Die Kirkus Review erschien seit 1933 alle 14 Tage und bespricht zwei bis drei Monate vor dem Erscheinungstermin einzelne Titel. Pro Jahr werden etwa 5000 Titel aus den Bereichen Belletristik, Sachbuch, Kinder- und Jugendliteratur rezensiert.
In der Selbstbeschreibung heißt es: >The reviews are reliable and authoritative, written by specialists selected for their knowledge and expertise in a particular field<. Das ist eine grandiose Untertreibung. Die Kunst, auf kürzestem Raum ein Buch inhaltlich vorzustellen, in den Markt einzuordnen, eine Einschätzung abzugeben, die Autorenentwicklung zu skizzieren und den Buzz auf dem Rechtemarkt kurz anzureißen, hat in dieser Zeitschrift ihren Höhepunkt gefunden. Es gibt kein vergleichbares Medium in der internationalen Verlagswelt. Sie bot Informationen und ertsaunlich verlässlilche Beurteilungen jenseits von PR-Blasen und frei von Kritikergeschmäckern.
Obendrein hat sich die Kirkus Review in den letzten Jahren als Plattform für literarische Entdeckungen etabliert, die in den marktgetriebenen Kanälen keinen Platz mehr finden. Die Zeichen der Zeit hat die Redaktion erkannt, als ihr Forum für Titel öffnete, die im Selbstverlag erschienen.
Ein Kulturverlust in der Geschäftswelt.

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Des Schlechten zuviel

Eine nahezu echte Schlammschlacht also, die da in Frankfurt stattfindet.
Und der Buchmarkt, für jede Schandtat zu haben, liefert das nötige Hintergrundwissen, damit auch jeder Voyeur à jour ist.
Nichts gegen einen schön formulierten Seitenhieb, nichts gegen empfindliche Gemüter, Indiskretion, gegen wunderbare Männerfreundschaften oder unausweichliche Revierkämpfe, aber diese Geschichte verursacht doch eine gewisse Pein im Publikum. Eine Spur weniger persönlich fände ich persönlich attraktiver.

schlammschlacht

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Claude Lévi-Strauss

Zum Tod des französischen Ethnologen und Strukturalisten:

Lévi-Strauss im Fernsehinterview 1984 mit Bernard Pivot über sein Konzept der  Ethnologie.
1971 gibt Lévi-Strauss in einem Interview Auskunft zu seinem Begriff der Mythologie.
Und im Gespräch, wieder mit Pivot, über die Tristes Tropiques.

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Trois femmes puissantes

FRANCE-LITERATURE-GONCOURT-NDIAYE

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Taniguchi: Adieu la Chine, Japan is calling

Die Messe, die Dissidenten und die Chefs des internationalen Zentrums liegen hinter uns. Wir können über japanische Autoren reden, was wir ohne Not tun, nur dem Drang folgend, über den Zeichner und Autor Jiro Taniguchi zu schreiben, den all diejenigen, die sich jemals mit seinen Mangas und später den grafischen Romanen beschäftigt haben,  längst kennen. taniguchi
Alle anderen Zielgruppen (auch Menschen über vierzig Jahre) können sich auf eine literarische Entdeckung freuen, auch wenn der erste Satz der Einleitung Abschreckungsqualitäten hat:  “Der Zeichner Jiro Taniguchi ist ein Poet.” Doch weder ist der einführende Text schlecht, noch sind die Bilder von der poetischen Art, die diese Zuschreibung befürchten lässt.
Verlangsamung scheint mir eines der Schlüsselwörter in den Arbeiten Taniguchis zu sein, Konzentration und ein hoch reflektiertes und zugleich emotionales Verhältnis zum Konzept Familie wie zu seiner eigenen Herkunftsfamilie.

Ich bin ein ignorant, was japanische Kunst angeht,

(Dabei fällt mir eine selbsterlebte Frankfurter Geschichte ein, die ich meiner damaligen Mitbewohnerin Juliane zu verdanken habe, ihres Zeichens Japanologin, die zu dieser Zeit einen schrecklichen Proleten zum Freund hatte, in dessen Wohnung sie aber immer fuhr, wenn sich denn getroffen werden musste, da er um meine Abscheu für ihn wusste und unsere Wohnung konsequent mied. Jedenfalls war sie übers Wochenende bei ihm, und an der Tür klingelten zwei Japanerinnen, frisch vom Frankfurter Flughafen,  zwei kleine Provinzmäuse, zum ersten Mal außerhalb von Japan auf dem Weg irgendwohin, die nichts hatten außer dem Zettel mit unserer Adresse drauf und vor allem konnten sie kein Englisch oder was anderes außer Japanisch, und Juliane war nicht da. Read More »

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Überleben in den kreativen Industrien – Berliner Konferenz

Zum Nachdenken über die Bedingungen  lädt die Rosa Luxemburg-Stiftung ein. Am 13. und 14.11. findet im Prater der Volksbühne eine internationale Konferenz zum Thema kreative Arbeitsformen, Verwertung und digitale Revolution statt.

Im Einladungstext heißt es:
“Die digitale Revolution der Produktions- und Distributionsmittel, die Kämpfe um intellektuelle Eigentums- und Verwertungsrechte, flexiblere Unternehmensstrukturen und Arbeitsverhältnisse, die Projektform der Arbeit und die Privatisierung von Kultureinrichtungen haben Arbeits- und Lebensweisen wie Subjektivitäten verändert. Einer schier unübersichtlichen Zahl von Betätigungschancen steht eine enorme Konkurrenz um Jobs und Aufträge gegenüber, den gewachsenen Ausdrucksmöglichkeiten ein Druck zur Konformität des Marktes, einer freieren Selbstbestimmung die Selbstausbeutung in informellen und entgrenzten Arbeitsverhältnissen bei unsicheren Einkommen.
Kommerzialisierung und Gentrifizierung verdrängen das Kreative der Creative Cities, Widerständiges und Unangepasstes wird umgeformt und integriert. Doch die Stadt, die Arbeit, das Leben bleiben umkämpft. Das Überleben in den Creative Industries soll von unterschiedlichen Seiten und mit unterschiedlichen Formen gedeutet werden: Wissenschaftiche Analyse trifft auf zugespitzte publizistische Meinung und literarische, filmische und darstellende künstlerische Form.”

Da fahren wir doch mal hin, nicht wahr?
Zum Anwärmen:

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Die feinsten Messe-Blogs

oppenheimer01Der umschwirrte Star der Szene und ein guter Verleger obendrein: Jamie Byng schreibt über Frankfurt. Der Anfang knirscht noch ein bisschen, aber das wird.

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Deutscher Buchpreis 2009

Ich kritisiere die Verleihung des Deutschen Buchpreises nicht, weil ich einen Einwand gegen die Preisträgerin Kathrin Schmidt oder gegen ihren Roman >Du stirbst nicht< (Kiepenheuer & Witsch) vorzubringen hätte, sondern weil diese Entscheidungsfindung einen Hautgout hinterlässt.
Iris Radisch schreibt in der ZEIT vom 20. August über Herta Müllers Roman >Atemschaukel<, er sei “kraftlos und schal, ja in manchen Passagen von peinigender Parfümiertheit”. Und weiter: “Das Bestreben, die Dramatik des Erlittenen und schier Unerträglichen durch besonders erlesene Herz-Schmerz-Vokabeln und Engelbeigaben zu unterstreichen, bringt eine Kunstschnee-Prosa hervor, die das Leid unter ihrem antiquarischen Pathos begräbt und das Unvorstellbare allzu vorstellbar macht.”

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Geschichte & Erinnerung: Schwartz zum Zwanzigsten

Fünf Jahre alt war Simon Schwartz 1989. Mit seinen Eltern siedelte der kleine Junge Mitte der achtziger Jahre in den Westen über, nachdem die Familie mehere Jahre auf die Bewilligung des Ausreiseantrags warten musste und entsprechend lange behördlichen Repressalien und gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt war. Was noch wie ein Detail aus der Autorenvita klingt, führt breits mitten hinein in die Erinnerungsgeschichte des Zeichners und Illustrators Simon Schwartz, der heute in Hamburg lebt.
Er erzählt in intermittierenden Episoden vom Leben seiner Eltern noch vor der Geburt des Kindes, von ihren unterschiedlichen Herkünften und politischen Prägungen, von ihren familiären Bindungen und dem Verlust von Heimat. Das Kind darf später die Großeltern besuchen und setzt in Bruchstücken und erbetenen Erklärungen das Bild einer geteilten Familie zusammen. Vieles wird aus der Perpektive eines Kindes erzählt und gesehen, und was Schwartz gewiss gelingt, ist die Aufbewahrung von Alltagsgeschichte und persönlicher Lebensgeschichte, die in den Narrativen der Sieger untergestrudelt wurde.

schwarzWas Simon Schwartz aber merkwürdigerweise (noch) nicht gelingt, ist eine interessante Graphic Novel. Die Zeichnungen sind eigenwillig, schwarzweiß mit starken Konturstrichen, dunkle Grautöne dominieren und stellen flächige, stark typisierte Gesichter frei. Die einzelnen Bilder sind fein durchgearbeitet und im Detail sehr genau. Gelungen sind die ausdrucksvollen Perpektivwechsel, die so unruhig wie eine Handkamera daherkommen.

Dagegen fallen die Texte ab. Und unerklärlich langweilig gestaltet sich das Verhältnis von Text zu Bild. Im weißen Kasterl oben im Bild steht: “Wir lebten nur noch aus Kisten.” Das Bild zeigt drei offene Umzugskisten.  In einem anderen inserted Erklärungskasterl lesen wir: “Direkt nach dem Studium übernahm mein Vater eine 9. Klasse an einer polytechnischen Oberschule.” Wir sehen einen traurigen Lehrer am Pult vor einer Tafel sitzen.
Das sind keine hinterhältig ausgesuchten Ausnahmen, sondern sie spiegeln den Ton des Buches. Distanziert, didaktisch und ohne erzählerische Ambitionen zieht sich diese Rekapitulation eines Dramas durch die Bildfolgen, die – wenn sie einmal ohne Ton stehen dürfen – ihre eindringliche Kraft  durchaus zeigen. Schwartz’  Zeichnungen haben einzeln entschieden mehr Intensität als das Buch unterm Strich entfaltet. Trotzdem habe ich es aufmerksam bis zum Schluss gelesen, denn Sujet wie bildliche Inszenierung sind interessant.
claire Lenkova hat im Gerstenberg Verlag gerade ihren autobiographischen “Sachcomic” (Was mag das sein, ein autobiografischer Sachcomic?) >Grenzgebiete< vorgelegt. Thema, Genre und Generation scheinen sich bei diesem Jubiläum gut zu fügen. Die Verquickung von autobiographischem Ich und Historie aber bleibt jenseits von einzelnen Themen eine ästhetische Herausforderung.

Simon Schwartz: drüben!, Berlin: Avant Verlag, Oktober 2009, ISBN: 978-3-939080-37-4, 120 Seiten, s/w, 14,95 Euro.

Ich schaffe es heute nicht, den Nobelpreis ganz auszulassen, obwohl ich es mir fest vorgenommen hatte. Dass so viele darüber schreiben, heißt nicht, dass das Thema falsch ist.

Herta Müller hätte jede Auszeichnung allein für ihren jüngsten Roman >Atemschaukel< verdient. Schon das erste Kapitel ist eine Exerzitie in Genauigkeit und Bildkraft, eine Balance von Dingwelt und Sprachraum, ein so ungeheures Ineinssetzen von Erschütterung und Gleichmaß, dass man die Tränen die Augen bekommt (ich weiß wohl, dass diese persönliche Indiskretion seit Andreas Kilbs >War im Kino. Habe geweint< verbrannt ist.)
Sprechen allein scheint als Reaktion des Lesenden auf diese durchgeformte Trauerarbeit aber fast unzulänglich.

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